Montag, 5. Dezember 2016

Rezension: "Wir waren doch so jung" von Jennifer Riemek und Michael Kuhn

Daten zum Buch:
erschienen am: 1. Mai 2016
Verlag: Ammianus-Verlag
ISBN: 9783945025437
207 Seiten
Preis: 12,90 € (TB)
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Zum Inhalt:
Aachen zur Zeit des Nationalsozialismus: Jakob Bergmann wächst in einem scheinbar behüteten bürgerlichen Umfeld auf. Nachdem 1933 die Nazis an die Macht gelangt sind, nehmen die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung stetig zu. Die Verdrängung aus dem öffentlichen Leben sowie die Verfolgung seines Volkes werden für den Heranwachsenden zum grausamen Alltag. Einzig die Liebe zu Annie und eine alte Münze seines Großvaters ermöglichen es ihm, den Glauben an eine Zukunft nicht zu verlieren …

Die mitfühlend erzählte Geschichte zweier jüdischer Familien basiert auf belegten Zeugenaussagen und überlieferten Dokumenten.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Michael Kuhn ist Politik- und Geschichtswissenschaftler und erarbeitete 1995 für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. die Dokumentation "Und wir waren noch so jung". Zusammen mit seiner Tochter Jennifer Riemek hat er anhand Zeitzeugenberichten, Fotos und Dokumenten die fiktive Geschichte um Jakob und Annie geschrieben.

Die Geschichte umfasst ca. 140 Seiten. Im Anschluss werden auf fast 50 Seiten zu den einzelnen Begebenheiten und Details des Romans die dazugehörigen historisch fundierten "Vorlagen" erläutert. Es findet so eine gelungene Verwebung zwischen Fiktion und Realität statt.

Jakobs und Annies Schicksal wird hier über einen Zeitraum von 1934-1945 geschildert, beginnend mit den ersten Anfeindungen der Bevölkerung, über den Krieg, die Verfolgung und Internierung in den KZs bis zur Befreiung durch die Aliierten. Eingerahmt wird die Geschichte von einem alten Jakob in der heutigen Zeit, der sich an die Vergangenheit erinnert. So erfährt man viel über die geschichtlichen Hintergründe, wie alles begann und sich weiterentwickelte. Interessant ist hier auch, dass der Roman nur teilweise in Deutschland spielt. Die meiste Zeit leben Jakob und Annie in Belgien, dazu kommt noch ein Aufenthalt in Frankreich. So hat man auch einen Einblick, wie es in anderen europäischen Ländern damals zuging. Dazu kommen noch Erlebnisse in den KZs, die besonders eindrücklich sind.

Der Schreibstil ist eher nüchtern-erzählend. Trotzdem kann man die Verzweiflung der Figuren nachempfinden und die Ohnmacht darüber, dass sie völlig machtlos sind gegenüber der Willkür und Grausamkeit der Nazis. Jakob, Annie und ihre Eltern waren mir von Anfang an sympathisch, so dass ich auch wirklich mitgelitten habe.

Durch die im Anhang aufgezeigten Zeitzeugenberichte sowie die zahlreichen anderweitigen Dokumentationen, die ich bereits kenne, bin ich mir sicher, dass Jakobs und Annies Geschichte genau so oder ganz ähnlich hätte passiert sein können. Jakob, Annie und ihre Familien und Freunde stehen exemplarisch für all diejenigen, die im Holocaust ihr Eigentum, ihre Würde, ihre Familie und oft auch ihr eigenes Leben verloren. Man kann nur jedes Mal aufs Neue entsetzt darüber sein und hoffen, dass die Menschheit aus der Geschichte lernt, auch wenn ich befürchte, dass Dummheit, Gier und Hartherzigkeit immer wieder für weitere Gräueltaten und Ungerechtigkeiten sorgen werden, so lange es Menschen gibt.

"Wir waren doch so jung" ist ein weiterer Roman über die Grausamkeiten des Holocausts, der fundiert auf historischen Fakten erzählt wird. Aufgrund des Alters des Protagonisten empfehle ich es auch jungen Lesern sehr, die durch Jakobs Augen die Wirren des Weltkrieges und Folgen der Judenfeindlichkeit durchleben können.

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an  und den Ammianus-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Sonntag, 4. Dezember 2016

Neuzugänge

Öhm, ja, ich hab's - wie gehabt! - schleifen lassen, und deshalb türmen sich schon wieder die Neuzugänge. Hach, ich muss das echt mal strecken, sonst sieht das immer so maßlos aus. *hüstel*

Rezensionsexemplare


- Jennifer Riemek & Michael Kuhn, "Wir waren doch so jung": Hier wird eine fiktive Geschichte um einen jüdischen Jungen und seine Freundin zur Zeit des Holocausts mit Zeitzeugenberichten vermischt. Dieses Buch habe ich über "Blogg dein Buch" erhalten.

- Tim Pröse, "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler": Wie ihr ja wisst und sehen könnt, interessiere ich mich (immer noch) für den 2. Weltkrieg und den Holocaust. Im Moment kommen wieder viele gute Bücher dazu raus. Dieses Buch habe ich mir über das Bloggerportal von Randomhouse angefordert. 

- Sina Pousset, "Keine Ahnung, wo wir hier gerade sind. Mit dem Fernbus unterwegs": Ich bin selbst schon ein paar Male mit dem Fernbus gefahren. Die kuriosen Erlebnisse halten sich bei mir in Grenzen, aber solche Erfahrungsberichte lese ich ja immer total gerne. Erhalten über "Literaturtest". 

- Anja Mäderer, "Mainschatten": Den ersten Würzburg-Krimi von Anja Mäderer habe ich gerne gelesen, als Würzburgerin finde ich es eh toll, die Schauplätze zu kennen. Die Fortsetzung musste ich natürlich auch lesen und habe sie bereits hier rezensiert. 

- Christiane Lind, "Phillips letztes Geschenk": Von Christiane Lind habe ich schon drei Bücher gelesen, und ich mag ihren Schreibstil und Humor sehr. Ich habe die Leserunde zu diesem Buch verpasst, und als ich es kaufen wollte, hat mir Christiane das Buch einfach so - mit einer schönen Widmung - geschickt. Total lieb, oder? :-) Bin schon sehr gespannt, es klingt süß und traurig und lustig zugleich. 


Gewonnen


- Klaus-M. von Keussler & Peter Schulenburg, "Fluchthelfer. Die Gruppe um Wolfgang Fuchs": Dieses Buch um Wolfgang Fuchs, der in der ehemaligen DDR Flüchtlingen in den Westen geholfen hat, habe ich bei dem tollen, jährlichen Novemskalender von "Bücherwesen" und "Rezensionen mit Herz" gewonnen. :-)

- Vanessa Mansini, "Dornröschen hatte es leichter": Ein Teenager, der als erwachsene Frau wieder aufwacht und sich in einer neuen Welt zurechtfinden muss. Das Buch klingt doch lustig und spannend, oder? Ich habe mich sehr gefreut, dass ich es bei der Verlosung durch den Autor (Ja, maskulin. ;-)) mit Signatur gewonnen habe.


Aktion "Weihnachtsengel"


Kennt ihr diese Aktion? Jedes Jahr wird sie auf dem Blog "Cinema in my head" veranstaltet. Zahlreiche Autoren und Blogger stellen Bücher und anderes Buchiges zur Verfügung, das dann versteigert wird. Ich habe die Aktion schon letztes Jahr beobachtet, und dieses Jahr habe ich dann auch endlich mal mitgeboten, da ich ja seit Kurzem endlich richtigverdiene und sowas auch mal machen kann. :-) 

Ersteigert habe ich diese drei schönen Bücher, wobei die Bücher von Sabine Zett und Ashley Gilmore signiert sind, und bei Ashley Gilmore alias Manuela Inusa waren auch noch viele schöne Autogrammkarten und Goodies dabei. :-) Und "Tombquest" kannte ich noch gar nicht, aber es ist auch eine Jugendbuchreihe mit vielen Elementen aus dem alten Ägypten, was mich so ein bisschen an "Die Kane-Chroniken" erinnert, die ich toll fand. Da musste ich natürlich zugreifen. Ist blöderweise schon der dritte Band - da muss ich mir wohl die anderen auch noch zulegen. ;-)

Der diesjährige Erlös, der bedürftigen Kindern zu Gute kommt, belief sich übrigens auf wahnsinnige 6.578,69 €! 


Die restlichen Neuzugänge zeige ich euch aber ein andermal, das wird sonst zu viel. ;-)

Montag, 28. November 2016

Rezension: "Bombennacht. Ein Roman über die letzten 24 Stunden des alten Würzburg" von Roman Rausch

Daten zum Buch:
erschienen am: 26. September 2016
Verlag: echter
ISBN: 9783429038854
368 Seiten
Preis: 14,90 € (HC)
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Zum Inhalt:
16. März 1945: Ein friedlicher und sonniger Frühlingstag bricht in Würzburg an. Tausende Flüchtlinge haben in der Stadt am Main Zuflucht gefunden, unter ihnen Eugen, ein deutsch-russischer Junge, der sich vor der SS hüten muss. In der Nervenheilanstalt in der Füchsleinstraße kümmert sich Professor Werner um die vielen Kriegsverletzten. Da taucht ein totgeglaubtes Mädchen auf, das seine menschenverachtenden Praktiken offenlegen kann. Krankenschwester Fanny erkennt in ihr eine ehemalige Patientin und geht der Sache nach.

Unterdessen bereitet man in der Villa des Nervenarztes ein Geburtstagsfest vor. Der Jude Paul soll eine berühmte NS-Sängerin am Klavier begleiten, während er mit einem Zwangsarbeiter seine Flucht plant.

Und Pfarrer Titus liest seine Morgenmesse. Wird es eine Totenmesse für die Stadt sein? Denn während die Würzburger darauf hoffen, dass der Krieg bald vorbei sein möge, bereitet sich an der Küste Englands eine Bomberstaffel auf einen ihrer zahlreichen Einsätze vor. Am Ende des Tages werden deren Flugzeuge den Himmel über Würzburg verdunkeln und einen tödlichen Feuersturm entfachen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Als Würzburgerin ist mir natürlich die Geschichte der verhängnisvollen Bombennacht bekannt, ich stand schon oft vor dem Denkmal im Rathaus, das ein Modell des zerstörten Würzburgs zeigt, und kenne auch ein paar Augenzeugenberichte. Wer heute durch diese wunderschöne Stadt läuft, kann sich kaum vorstellen, dass damals ein Hölleninferno die historische Altstadt zu 90% zerstörte und unzählige Menschenleben forderte.

Roman Rausch, der vor allem als Autor historischer Romane und Krimis/Thriller bekannt ist, hat sich nun dieses schweren Stoffes angenommen. Wie der Untertitel bereits verrät, geht es hier um einen Zeitraum von 24 Stunden, beginnend am 16. März 1945 um 6.06 Uhr, als ein wunderschöner Frühlingstag die Würzburger Bevölkerung noch in Sicherheit wiegt.

Es gibt mehrere Handlungsstränge und man lernt zuerst nach und nach die Hauptcharaktere kennen, deren Wege sich mit der Zeit kreuzen:

  • Prof. Werner, Nervenarzt an der Uniklinik, und seine Familie. Als Vorbild für diese Figur diente Werner Heyde, der als Professor für Neurologie und Psychiatrie in Würzburg an der "Aktion T4", der systematischen Tötung von geistig Behinderten beteiligt war. Neben dem Professor spielen noch Tochter Charlotte, eine Funkhelferin, und der von der SS desertierte Sohn German eine Rolle.
  • Fanny, die angehende Krankenschwester, die Prof. Werner verehrt und erst merkt, welche Verbrechen ihr Vorbild begangen hat, als es schon zu spät ist. Ihr Vater Vinzenz und ihre Großeltern Jörg und Cäcilie treten ebenfalls in Erscheinung.
  • Paul, ein Jude, der als Klavierlehrer bei der kultivierten Nazi-Familie Werner bislang von der Deportation verschont blieb und heimlich seine Flucht plant.
  • Henry bzw. Heinrich, der nach seiner Flucht aus der deutschen Heimat bei der British Royal Air Force anheuert und nun gegen seine Überzeugung bei der Zerstörung Würzburgs, seines alten Studienortes, mitwirken soll.
  • Julius und Eugen, zwei Jugendliche, die viel zu schnell erwachsen werden müssen.

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Nebencharaktere. Und viele von ihnen werden später unter den über 5.000 Opfern sein, die der Angriff der Briten und dessen Nachwirkungen fordern.

Roman Rauschs Schreibstil ist anspruchsvoll, eloquent und eindrücklich. Er schafft es, das unvorstellbare Leid in Worte zu fassen, irgendwie greifbar zu machen. Die Geschichte ist extrem aufwühlend und hinterließ bei mir während der Lektüre ein Gefühl der Beklemmung und Fassungslosigkeit. Ich habe schon viele Bücher über den Weltkrieg und seine unerträglichen Gräuel gelesen. Ich wusste, was in der Bombennacht passiert ist. Und dennoch ist das Gelesene fast unerträglich, da man weiß, dass trotz fiktiver Figuren die Haupthandlung - die Zerstörung Würzburgs - ein Fakt ist und alle hier beschriebenen Grausamkeiten so oder in ähnlicher Weise tatsächlich passierten. Man wird niemals verstehen, wie furchtbar damals der Krieg war, und wieso das so genannte "moral bombing", das einzig dem Zweck diente, die Moral der Bevölkerung zu brechen und den größtmöglichen Schaden anzurichten, von eigentlich zivilisierten Ländern als Kriegstaktik durchgeführt wurde.

Schon vor dem Angriff ist die Situation in der Stadt nicht einfach. Die Bevölkerung leidet unter Hunger und Armut, hat schon mehrere Angriffe hinter sich und muss sich Wohnraum und Lebensmittel mit zahlreichen Flüchtlingen aus anderen zerstörten Städten teilen. Die Krankenhäuser sind überfüllt mit Kriegsversehrten. Allein diese angespannte Stimmung war greifbar, und als die britischen Bomber dann starteten, legte ich das Buch erstmal weg, da ich nicht wollte, dass es noch schlimmer kommt. Das restliche Buch las ich dann an einem ruhigen Sonntag in einem Rutsch durch, so ein bisschen nach dem Motto "Da muss ich jetzt irgendwie durch."

Der Angriff selbst dauerte nicht lang, in Echtzeit circa 17 Minuten, aber das Inferno, das danach losbrach, ist kaum zu begreifen. Wer sehr empfindlich ist, sollte tatsächlich zweimal überlegen, ob er diesen Roman lesen möchte. Hier ist sicherlich keine Effekthascherei nötig, um das unsägliche Leid der Bevölkerung deutlich machen zu können, der Autor provoziert nicht mit unnötigen Grausamkeiten. Aber er erzählt nunmal so, wie es war, wie man es von Überlebenden weiß, und er beschönigt nichts. Man ist hier wirklich weit entfernt von "leichter Kost", die man mal eben gemütlich auf der Couch wegschmökert.

Roman Rausch hat dieses wichtige und traurige Kapitel der Würzburger Geschichte anhand von Zeitzeugenberichten und historischen Fakten detailliert aufgearbeitet, und es ist ihm gelungen, Fiktion und Wirklichkeit zu verknüpfen. "Bombennacht" hat mich emotional sehr mitgerissen, und ich kann diesen Roman jedem empfehlen.

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Roman Rausch und den Echter-Verlag für diese Rezensionsexemplar!

Hier geht es zu meinem Bericht über die Buchpräsentation am 29.09.2016 im Hugendubel.

Hier geht es zu einer kurzen Doku über das zerstörte Würzburg im Mai 1945. 

Sonntag, 27. November 2016

Rezension: "Mainschatten" von Anja Mäderer

Das Cover zeigt die Alte Mainbrücke in Würzburg,
über die ich natürlich schon unzählige Male
geschlendert bin. :-)
Daten zum Buch:
erschienen am: 22. September 2016
Verlag: emons
ISBN: 9783954519774
288 Seiten
Preis: 11,90 € (TB)
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Zum Inhalt:
In einer renommierten Würzburger Tanzschule wird Sebastian Dreher, Tanzlehrer und Sohn der Besitzer, tot aufgefunden. Geht man anfänglich noch von einem Unfall aus, stellt sich bald heraus, dass es Mord war. Die Kommissare Nadja Gontscharowa und Peter Steiner tappen im Dunkeln, und auch die Mutter des Opfers scheint an einer Aufklärung des Falls nicht interessiert zu sein.

Da Staatsanwalt de Mancini sich in den Fall verbissen hat, soll Nadja undercover in einem Tanzkurs Freunde und Kollegen des Toten auf den Zahn fühlen. In der Tanzschule trifft sie auf Sebastians Clique, in der Eifersucht und Geheimnisse eine große Rolle spielen. Wem kann Nadja trauen und vor wem muss sie sich in Acht nehmen? Und was hat der mysteriöse Todesfall einer Tanzschülerin von vor einem Jahr mit dem Fall zu tun?

Meine Meinung:
"Mainschatten" ist Anja Mäderers zweiter Würzburg-Krimi rund um die Kommissare Gontscharowa und Steiner und ihr sympathisches Ermittlerteam. Bereits der erste Band konnte mich überzeugen, und so hatte ich mich schon sehr auf eine Fortsetzung gefreut.

Da ich selbst in Würzburg lebe, macht es mir immer viel Freude, in einem Regionalkrimi bekannte Schauplätze in Gedanken mitzulaufen, und auch hier wurde ich nicht enttäuscht und folgte den Ermittlern kreuz und quer durch meine schöne Stadt. Auch der fränkische Dialekt durfte zwar selten, aber immerhin ein paar Male zur Geltung kommen, wenngleich er sicherlich für Nicht-Franken etwas anstrengend - und amüsant! - zu lesen ist.

Die Figuren werden sehr detailliert gezeichnet. Das Würzburger Team kennt man schon aus dem ersten Teil, wobei Nadja und Peter sehr im Fokus stehen. War Nadja in "Mainleid" noch recht introvertiert und litt unter einem gebrochenen Herzen, so ist sie nun viel gelöster und zugänglicher, wodurch ich sie viel sympathischer fand. Ihr Kollege Peter hingegen ist diesmal etwas ernster. Die beiden sind durch eine enge Freundschaft verbunden, was einen Synergieeffekt erzeugt, aber in diesem Band auch zu Konfrontationen führt. Schön finde ich, dass Nadja und Peter ihre Gefühle nicht einfach ausblenden können, sondern auch mit den Opfern und ihren Familien mitleiden und sich emotional an den Fall binden. Das mag vielleicht auf den ersten Blick unprofessionell wirken, ist aber einfach menschlich und macht sie dem Leser nur noch sympathischer.

Mehr zur Geltung kommt im zweiten Band auch der Rechtsmediziner Lars Nauke, der schon in "Mainleid" gut bei den Lesern ankam und deshalb nun in der Fortsetzung präsenter ist. Ich mag Nauke sehr, denn er ist ein ungewöhnlicher und skurriler Charakter, der für viele witzige Momente sorgt.

Auch die anderen Personen, die hier auftreten - Familie und Freunde des Opfers, Verdächtige u.a. - werden gut skizziert. Durch die wechselnden Erzählperspektiven lernt man die Figuren, Verhältnisse, Verwicklungen und Geheimnisse langsam immer besser kennen und erschließt sich so gemeinsam mit den Ermittlern die Zusammenhänge.

Die Story ist dynamisch und hält bis zum Schluss die Spannung aufrecht. Ich tappte bis zum Finale im Dunkeln, hatte zwar mehrere mögliche Täter und Motive im Kopf, lag aber letztendlich doch daneben. Was ich persönlich gut fand, denn so kam zusätzlich zur Spannung noch der Überraschungseffekt dazu. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass der Kreis der Verdächtigen nicht gerade klein war. Zusätzlich zu der Hauptstory gibt es noch Nebenhandlungsstränge: Man lernt den Staatsanwalt Mancini etwas besser kennen, und es wird von einer Person erzählt, deren Identität sich erst recht spät erschließt. Erst am Ende fügen sich alle Erzählstränge stimmig zusammen.

Der Schreibstil hat mir gut gefallen, er ist lebendig, mit vielen Dialogen und lässt sich flüssig lesen. Man merkt einfach, dass die Autorin Germanistin ist - nicht zuletzt auch daran, dass ich hier erfreulicherweise über (fast) gar keine Fehler gestolpert bin, was meiner Meinung nach tatsächlich nicht selbstverständlich ist, selbst wenn ein Buch in einem großen Verlag erschienen ist.

"Mainschatten" hat mich äußerst gut unterhalten. Neben einer komplexen und spannenden Handlung trifft man hier auf liebevoll und detailliert gezeichnete Charaktere und Ermittler mit Herz und Verstand. Ich freue mich schon auf den dritten Band!

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den emons-Verlag für das Rezensionsexemplar und an Anja Mäderer für die intensive Betreuung der Leserunde auf LovelyBooks!

>>> Hier geht es zu meiner Rezension von "Mainleid".

>>> Hier findet ihr meinen Bericht über die Buchpräsentation von "Mainleid" im Hugendubel am 19.11.2015.

Mittwoch, 16. November 2016

Rezension: "Glimmernächte" von Beatrix Gurian

Daten zum Buch:
erschienen am: 1. Juli 2016
Verlag: Arena
ISBN: 9783401602165
382 Seiten
Preis: 16,99 € (HC)
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Zum Inhalt:
Pippas Begeisterung hält sich in Grenzen, als ihre Mutter Anna den reichen Grafen Frederik von Raben heiraten will, denn sie muss ihre Heimat Berlin verlassen und mit Anna und Frederik fortan auf Schloss Ravensholm in Dänemark leben.

Doch dort angekommen, wird Pippa sofort von ihrer Stiefschwester Kirsten mit offenen Armen empfangen. Und das Leben in einem herrschaftlichen Schloss scheint gar nicht sooo übel zu sein. Abgesehen von den vielen Gästen, die während der tagelangen Feierlichkeiten ebenfalls auf Ravensholm residieren. Einige von ihnen sind Pippa regelrecht unheimlich. Und was hat es mit ihrem mysteriösen Stiefbruder Niels auf sich, der in einer psychiatrischen Klinik weggesperrt ist und angeblich gefährlich ist?

Als sie dann unverhofft auf Niels trifft, fällt es ihr schwer, auf Distanz zu bleiben. Er warnt sie vor seiner Familie, und tatsächlich geschehen mit Pippa seltsame Dinge. Sie hat Halluzinationen, schläft mitten am Tag einfach stundenlang ein und kann sich danach an nichts mehr erinnern. So langsam versteht Pippa, dass ihre Familie in großer Gefahr ist und der Schlüssel zu ihrer Rettung Niels ist...

Meine Meinung:
Pippa ist eine sympathische junge Dame, die ich von Anfang an mochte. Sie ist eigentlich recht vernünftig und gescheit. Nur bei Niels wirft sie ständig jegliche Vorsicht über Bord. Bei ihm war ich dann auch etwas zwiegespalten. Vielleicht lag es daran, dass er einerseits angeblich psychisch krank und gefährlich sein soll, auf Pippa wiederum einfach nur sexy-mysteriös wirkt. Bei mir kam gar nichts davon an, und ich konnte Pippas Faszination für ihn leider nicht nachvollziehen. 

Überhaupt: Die Liebesgeschichte zwischen Pippa und Niels geschah im Hau-Ruck-Verfahren. Hier gibt es die berühmte Liebe auf den ersten Blick, und das L-Wort fällt für meinen Geschmack viel zu schnell. Am meisten nervte mich Niels' unerträgliches Süßholzgeraspel, sobald er mit seiner Pippa zusammen war. Ich versuche dies aber durch die Augen der eigentlichen Zielgruppe zu sehen: Ich denke, dass die Geschichte zwischen den beiden Protagonisten bei so mancher jugendlichen Leserin durchaus einen „Hach, wie schön!“-Effekt erzielt. Ich bin mit Mitte 30 nunmal nicht die angesprochene Altersgruppe, was ich bei dieser Kritik auch berücksichtigen möchte.

Weitere Personen wie Pippas Familie, die Familie des Grafen, die Gäste auf dem Schloss und das Personal werden gut skizziert. Irgendwie sind alle etwas seltsam bzw. haben scheinbar Dreck am Stecken (außer Pippas Familie natürlich). Allerdings lernt man keinen der Charaktere wirklich gut kennen und sie bleiben lediglich Nebenfiguren. Nur Kirsten spielt eine größere Rolle. Bei ihr hat man erst ein gutes Gefühl, doch auch hier fängt man bald an zu zweifeln, ob sie wirklich so lieb und nett ist, wie sie tut. Ich fand sie lange Zeit undurchschaubar, und für mich war sie der interessanteste Charakter in dieser Geschichte.

Pippas kleiner Bruder – ebenfalls nur eine Nebenfigur – sorgte mit seinem frechen Welpen für ein paar Lichtblicke und erheiternde Momente in der ansonsten eher düsteren Stimmung. Ich fragte mich jedoch, wieso ein Kind im Vorschulalter, dessen Mutter für einige Zeit außer Haus ist, in einem großen Schloss herumläuft, ohne dass sich jemand kümmert? Er geht scheinbar nicht in die Schule/KiTa. Auch Pippa sieht ihren Bruder nur phasenweise. Und von einer Gouvernante o.ä. ist nie die Rede. Eine weitere Sache, über die ich gestolpert bin, ist, dass Pippa alles versteht, was die Dänen sagen. Zwar beherrschen die meisten von ihnen Deutsch, aber wenn sie unter sich sind, sprechen sie doch sicherlich Dänisch miteinander - eine Sprache, die Pippa nicht beherrscht.

Der lebendige Schreibstil der Autorin hat mir gut gefallen, und ich flog förmlich durch die Seiten. Sie schafft es, die Spannung kontinuierlich aufrecht zu erhalten. Es passieren viele seltsame Dinge, Zusammenhänge werden erst nach und nach deutlicher, man wird ständig mit neuen Informationen gefüttert, und so ist man als Leser unaufhörlich dabei, zusammen mit Pippa die Knoten zu entwirren.

Das Setting mit einem Schloss an einem abgelegenen Ort in Dänemark war sehr passend, da es viel zur Mystik der Geschichte beiträgt. Überhaupt fließen in die Geschichte viele geheimnisumwitterte und spannende Themen ein, so werden z. B. die nordische Mythologie und Runen erwähnt. Auch ein tatsächlich existierender Geheimbund sowie ein weiteres interessantes Thema spielen hier eine große Rolle, aber diesbezüglich werde ich mich bedeckt halten, da ich sonst zu viel verrate.

Das Ende ist zwar an sich stimmig, aber ging mir dann doch nach all dem Hin und Her zu schnell. Nachdem im Buch haufenweise Spannung aufgebaut wurde, löst sich dann, wenn man glaubt, die Protagonisten seien nun wirklich in allerhöchster Gefahr, alles doch recht schnell auf. Hier hätte ich persönlich den „Showdown“ etwas länger herausgezögert und stattdessen vorher ein paar Passagen gekürzt. Außerdem fehlten mir am Schluss noch ein paar Zusammenhänge und Aufklärungen.

Die Story enthält Thriller-, Fantasy- und romantische Elemente. Ich habe das Buch trotz meiner Kritikpunkte ganz gerne gelesen und denke, dass es vor allem für die jugendliche Zielgruppe eine unterhaltsame, spannende Lektüre ist.

3,5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Arena-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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Sonntag, 13. November 2016

Rezension: "2924 Hunde und 10 Tierheime" von Manuela Dörr

Daten zum Buch:
erschienen am: 27. September 2016
Verlag: Manuela Dörr (Selbstverlag)
ISBN: 9783000540936
237 Seiten
Preis: 25,00 € (HC)
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Zum Inhalt:
"Sie fliegen nächste Woche nach Spanien. In der Nähe sind zwei der zehn besagten Tierheime. Ich war so frei, meine Sekretärin mit der Buchung Ihrer Reise zu beauftragen", sagte Herr Hofenkamp.
"Nächste Woche? Und was wird aus dem Meeting vom Museumsprojekt am Dienstag?" Natalies Arme sanken langsam an ihrem schwarzen Kleid hinab.
"Da werden Sie nicht mehr gebraucht. Konzentrieren Sie sich auf Ihr neues Projekt – das Tierheim."

In diesem FotobuchRoman entsteht Natalies Geschichte, sobald sich dokumentarische Fotografie und fiktiver Text vereinen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Die Idee zu diesem Buch kam der Fotografin Manuela Dörr während eines Aufenthaltes in Andalusien, als sie zwei völlig unterschiedliche Tierheime besuchte. Mit Hilfe von Crowdfunding reiste sie in 10 verschiedene Tierheime in Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Rumänien und Georgien, machte sich ein Bild vor Ort und sprach mit Tierheimmitarbeitern. Heraus kam dieser liebevoll gestaltete "Fotobuch-Roman". Hierbei schlüpft die fiktive Figur Natalie, eine junge Architektin, in die Rolle der Autorin.

Natalie wird anfänglich so charakterisiert, dass man sie einfach nicht mögen kann. Oberflächlich, herablassend, zu ehrgeizig, hat kein gutes Wort für Tiere. Auf das Projekt hat sie keine Lust, was allerdings auch vor allem daran liegt, dass sie von ihrem Herzensprojekt, einem Museumsbau, abgezogen wird, was dann auch wieder irgendwo verständlich ist. Ihre Haltung gegenüber Tieren und speziell Hunden wird im Laufe der Geschichte offener, und sie interessiert sich nicht mehr nur für die Architektur der Tierheime, sondern auch für seine Bewohner.

Jedes Tierheim wird zuerst mit einem doppelseitigen Foto und der Information über Anzahl der Hunde, Anzahl der Mitarbeiter und Größe des Heimes vorgestellt. Danach wird Natalies Besuch geschildert, garniert mit vielen Fotos. Der Leser lernt ganz viele verschiedene Konzepte kennen: Von kleinen Pflegestellen über kleinere, gut durchdachte Tierheime bis hin zu großen Heimen mit für die Tiere nicht sonderlich guten Haltungsbedingungen. Man lernt, wie in welchem Land mit dem Thema "Streunerhunde" umgegangen wird und welche Ziele Tierschützer verfolgen (und wie lang der Weg noch bis dahin ist).

Man könnte natürlich fragen: Wieso nicht einfach eine reine Fotoreportage? Aber die Kombination von Roman und Dokumentation fand ich gelungen, für mich war das neu und deshalb reizvoll. Es ist einfach mal was Anderes. Und anstatt die Besuche durch die Augen der Autorin zu erleben, die für das Projekt brennt und sich dafür begeistert, ist es vielleicht auch ganz interessant, die Tierheime durch die Augen einer Person zu sehen, die anfänglich Tieren gegenüber recht abweisend ist und an die Sache erstmal desinteressiert und naiv herangeht. Übrigens ein Aspekt, der mich zu dem Schluss kommen lässt, dass das Buch auch durchaus etwas für "Nicht-Tierliebhaber" ist, die sich dem Thema nicht ganz verschließen.

Auch Format und Layout des Buches sind speziell und gefallen mir sehr gut. Normalerweise erwähne ich das Aussehen eines Buches nicht in einer Rezension, aber hier ist es unerlässlich, darauf einzugehen. Die vielen Farbfotos machen den Roman anschaulich und lebendiger. Das Buch ist kleiner als die gängigen Formate, nach Abnehmen des Umschlags ist die Fadenbindung sichtbar, der Buchdeckel ist aus dickem, festen Karton. Für mich sind Optik und Haptik wirklich etwas Besonderes.

Ein paar Kritikpunkte habe ich jedoch auch:

Ich fand die Geschichte um Natalie nicht immer stimmig. Ihre Haltung zu Hunden, die anfänglich extrem abweisend war, änderte sich für meinen Geschmack viel zu schnell. Nachdem sie sich erst total gegen das Projekt sträubte, brennt sie nach ein paar Tierheimbesuchen total dafür, lässt ihr Museumsprojekt dafür liegen und riskiert sogar eine Kündigung. Natürlich habe ich eine solche Wandlung erwartet, aber es ging mir zu schnell. Die letzten Kapital wirkten dann auch etwas gehetzt und wie ein Stilbruch, und das Ende war etwas seltsam, auch wenn es sicherlich eine (versteckte) Botschaft enthielt.

Die Fotos sind schön und künstlerisch, aber manchmal hätte ich mir ein paar Bilder gewünscht, die die Architektur der Heime genauer erkennen lässt und das Erzählte anschaulicher macht. Ich habe es nicht so mit räumlicher Vorstellung, und es fiel mir schwer, Natalies Überlegungen zur Architektur immer folgen zu können.

Der Schreibstil ist zuweilen etwas holprig. Etwas schade sind zudem die vielen Fehler, über die ich gestolpert bin, z. B. "Augenlieder", "aufwänden", "sag" statt "sah" u.ä., die falsche Anwendung von "das/dass" oder eine eigenartige Trennweise (sch-reiben). Ich persönlich kann solche Sachen halt leider nicht ausblenden, aber das stört ja auch nicht jeden Leser. Es ist zudem klar, dass sich Selfpublisher in der Regel kein teures Lektorat leisten können. Aber ich würde raten, für die nächste Auflage nochmal jemanden Korrektur lesen zu lassen.

Alles in Allem ist "2924 Hunde und 10 Tierheime" ein besonderes Buch mit einem für mich neuen, stimmigen Konzept. Das Thema ist eines, das mir persönlich auch sehr am Herzen liegt, weshalb ich dieses unterstützenswerte Projekt der Autorin jedem ans Herz legen möchte.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Manuela Dörr für dieses Rezensionsexemplar!

Sonntag, 6. November 2016

Rezension: "Neuschweinstein - Mit zwölf Chinesen durch Europa"

Daten zum Buch:
erschienen am: 17. Oktober 2016
Verlag: Malik
ISBN: 9783890294353
272 Seiten
Preis: 15,00 € (SC)
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Zum Inhalt:
Immer mehr Chinesen zieht es in den Ferien nach Europa. Doch was denken sie wirklich über uns und unsere Heimat? Christoph Rehage hat einen Plan: Er will sich unerkannt in eine Reisegruppe einschleichen, um mehr über unsere fernöstlichen Besucher zu erfahren. Sein Vorteil: Er spricht fließend Mandarin. Und so reist er bald mit einem bunten Trupp chinesischer Touristen quer durch Europa. Zur Erkundungstour gehören kulturelle Pflichtstationen wie Schloss Neuschwanstein, Florenz und Paris, aber auch heimliche Lieblingsziele wie Einkaufszentren und Luxusboutiquen.

In seinem klugen und zugleich witzigen Insider-Bericht erklärt Christoph Rehage nicht nur die Faszination von Kuckucksuhren und deutschem Babymilchpulver, sondern ermöglicht interessante Einblicke in eine uns manchmal noch fremde Kultur.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Auf der chinesischen Mikroblogging-Seite "Weibo" ist Christoph Rehage mittlerweile ein Internetstar. Und durch sein Videoprojekt "The longest way", in dem er 2009 seinen Versuch dokumentierte, zu Fuß von China nach Deutschland zu gehen (Was er leider nach 4.646 km abbrechen musste.), machte er sich nicht nur in China einen Namen. Ruhe- und rastlos, wie Christoph Rehage ist, suchte er nun also nach einem neuen Projekt. Die Liebe zu China brachte ihn auf die Idee für dieses Buches.

Wer kennt sie nicht, die asiatischen Reisegruppen, die von Bussen in Scharen vor einer Sehenswürdigkeit ausgespuckt werden, schnell ein Foto machen und schon wieder weiterhetzen? Und genau solch eine Reisegruppe aus China hat Rehage also begleitet. Falsch, er hat sie nicht begleitet, er war selbst Teilnehmer, auch wenn Außenstehende dies immer als Witz auffassten und ihn für den Reiseleiter oder Busfahrer hielten. Innerhalb von zwei Wochen ging es von Bejing aus von Deutschland über Frankreich, die Schweiz und Italien im Schweinsgalopp durch Europa. Also zumindest durch ein paar europäische Länder.

Viel kriegt man also von den besuchten Städten nicht gerade mit. Es gibt auch keine wirklichen Highlights. Aber die Reise an sich ist ja auch eher nebensächlich. Es geht vor allem darum, wie Chinesen reisen. Wie sie den Westen wahrnehmen und speziell Europa. Und um das Zusammenfinden und Interagieren der Teilnehmer.

Da Rehage perfekt Mandarin spricht und die chinesische Kultur und Lebensart respektiert, ja meiner Meinung nach auch wirklich liebt und lebt, gewinnt er schnell das Vertrauen der anderen Reisenden und fügt sich gut in die Gruppe ein. Zwar beobachtet er natürlich seine Begleiter, aber er sieht sich eher als Chinese als als Europäer und erzeugt somit ein "Wir"-Gefühl unter der Teilnehmern. So "knackt" er sie, und nach und nach lernt man sie besser kennen. Neben dem Reiseleiter sind dies zwei Männer und neun Frauen unterschiedlichen Alters, die teils mit ihren Müttern, teils alleine reisen. Die meisten erhalten von Rehage Spitznamen wie z. B. der "Große Freund", die Kunststudentin, der Riesenjunge. So erspart er dem Leser das Stolpern über für uns teils unaussprechliche Namen. ;-) Ich fand alle Teilnehmer sehr sympathisch und habe sie in den zwei Wochen fast schon richtig lieb gewonnen. 

Ich muss zugeben, dass diese Art zu reisen nicht mein Ding wäre. Allein schon mit einer Gruppe völlig Fremder nach Zeitplan zu reisen, fiele mir schwer. Und mir tat es richtig leid, dass die zwölf Reisenden kaum etwas von den Städten zu sehen bekamen. Dass sie mit ungenießbarem chinesischen Kantinenfraß abgespeist wurden. (Merke: Chinesische Reisegruppen essen fast ausnahmslos chinesisch, wenn sie fremde Länder besuchen.) Oder dass sie sich durch Verkaufsshows quälen mussten. Das erinnerte schon stellenweise an eine große und teure Kaffeefahrt.

Allerdings ist das Einkaufen im Ausland für Chinesen tatsächlich sehr wichtig, wie man in diesem Buch lernt. Ein Besuch in Europa ist für sie in der Regel sehr reizvoll, da hier die begehrten Luxusmarken wie Gucci oder Louis Vuitton günstiger angeboten werden. Die Reiseteilnehmer gehören sicherlich nicht zur Unterschicht Chinas, denn nicht nur die Reise an sich muss man erstmal bezahlen können - es wurden auch von den meisten sehr teure Markenartikel gekauft. Außerdem mussten sie noch eine hohe Kaution hinterlegen, damit gewährleistet ist, dass sie auch wieder in ihre Heimat zurückkehren und sich nicht irgendwo absetzen. Eine alleinstehende Teilnehmerin musste sogar unterschreiben, dass sie eine sehr hohe Strafe zahlen muss, sollte sie sich von der Gruppe entfernen. Solche Informationen fand ich sehr interessant.

Vieles brachte mich zum Schmunzeln. Der Autor erzählt frei von der Leber weg, und durch die vielen Dialoge ist der Schreibstil sehr lebendig. Natürlich werden aber auch ernste Themen angesprochen, z. B. die politische Lage in China, der Kommunismus, die Zensur,... So erhält man neben einem Reisebericht auch gute Einblicke in das Land China.

Sehr schön fand ich, dass das Buch mit dem Ende der Reise noch nicht beendet wurde. Der Autor machte noch sein Versprechen wahr und besuchte alle Teilnehmer in ihrer Heimat. So konnte man die elf Chinesen auch in ihrer "natürlichen Umgebung"  etwas besser kennenlernen und noch ein bisschen mit dem Autor durch China reisen. Das hat mir sehr gut gefallen und war ein schöner Abschluss.

"Neuschweinstein" ist ein schöner Reisebericht der etwas anderen Art und besonders empfehlenswert für Leute, die etwas mehr über die Mentalität der Chinesen erfahren möchten.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an Vorablesen.de für dieses Rezensionsexemplar!