Freitag, 23. September 2016

Rezension: "Selection - Die Krone" von Kiera Cass (Hörbuch)

Daten zum Buch:
erschienen am: 26. August 2016
Verlag: Jumbo
ISBN: 9783833736216
Laufzeit: 353 Minuten (4 CDs)
Preis: 19,99 € (CD)
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Zum Inhalt:
Nachdem sich ihre Eltern, König Maxon und Königin America, durch ein Casting kennen und lieben gelernt haben, ließ sich die widerspenstige Eadlyn überreden, sich auf diese Weise den zukünftigen Mann an ihrer Seite zu suchen. Entgegen ihrer Erwartungen wuchsen ihr die jungen Männer nach und nach ans Herz.

Mittlerweile sind nur noch wenige Kandidaten übrig, und Eadlyn muss sich langsam entscheiden, wem sie ihr Herz schenken wird. Eine schwierige Aufgabe. Als jedoch ihre Mutter einen Herzinfarkt erleidet und der König seiner Frau nicht mehr von der Seite weicht, sieht sie sich auch noch vor der Herausforderung, vorübergehend die Regentschaft zu übernehmen.

Wird Eadlyn der Herausforderung gewachsen sein, ein Land zu regieren, das sie als kühl und distanziert wahrnimmt? Und was wird bei der Wahl ihres Ehemannes die Oberhand gewinnen - Verstand oder Herz?

Meine Meinung:
"Selection - Die Krone" ist der fünfte Teil der "Selection"-Reihe sowie der zweite (und finale) Teil, der sich um Americas und Maxons Tochter Eadlyn dreht. Wer die vorherigen Bände nicht kennt, sollte hier gleich aufhören zu lesen, denn naturgemäß ist es schwierig, über eine Fortsetzung zu schreiben, ohne zumindest ein bisschen aus den Vorgängern zu spoilern. Zudem ist es nicht empfehlenswert, ohne Vorkenntnisse in diesen Band einzusteigen.

Mir sind natürlich alle vier Bände bereits bekannt, und ich habe die Liebesgeschichte um Maxon und America sehr gerne gelesen. Beim vierten (bzw. ersten Eadlyn-)Band habe ich mich dann schon gefragt, ob solch eine Fortsetzung sinnvoll ist. Das Prinzip des Castings ist den Lesern ja schon von America und Maxon bekannt und dementsprechend nichts Neues. Neu ist, dass hier eine Frau die Qual der Wahl hat, die eigentlich so gar keine Lust aufs Heiraten hat. Natürlich treten hier zahlreiche neue Figuren auf, und es ist auch ganz nett zu sehen, was aus den altbekannten Charakteren geworden ist.

Eadlyn war mir in "Die Kronprinzessin" doch recht unsympathisch. Sie wirkt kühl und eingebildet. Zum Glück ändert sich das, die Präsenz der verschiedenen jungen Männer tut ihr tatsächlich gut und lockt sie aus der Reserve. In diesem Band war sie mir sogar richtig sympathisch.

Die Geschichte dreht sich diesmal wirklich fast ausnahmslos um Eadlyns Suche nach dem richtigen Mann. Action findet man hier vergeblich. Zwar ergeben sich ein paar politische Spannungen, und Eadlyn nimmt ihre Regentschaft sehr ernst und versucht, Illeá neu zu strukturieren und ihrem Volk näher zu kommen. Aber das ist jetzt auch nicht sooo spannend, dass man die ganze Zeit Schnappatmung hat. Außerdem - und da werde ich jetzt hoffentlich nichts vorwegnehmen - endet das Buch dann auch so, wie es wohl sein soll: Eadlyn findet den richtigen Mann und wird Ehefrau. Vielleicht hätte es einfach mal mehr überrascht, wenn hier eine Emanzipation erfolgt wäre. Aber das wäre dann natürlich nicht so romantisch und märchenhaft gewesen.

Die endgültige Wahl des zukünftigen Prinzgemahls hat mich aber immerhin doch überrascht. Ich hatte mit einem anderen Mann gerechnet - allerdings wäre dies auch die langweiligere Variante gewesen. Während es bei America und Maxon eigentlich von Anfang an klar war, dass die beiden zusammenkommen, kann man bei Eadlyn einige Zeit nur mutmaßen, wenngleich man ungefähr bei der Hälfte der Geschichte eine konkrete Ahnung hat. Bis zur endgültigen Entscheidung dümpelt die Story aber doch teilweise vor sich hin (Hach, Kyle? Hach, Hale? Hach, Henry? Hach, Fox? Hach, doch ein anderer? Hm... ich weiß nicht, die sind alle so toll!) und wirkt künstlich in die Länge gezogen.

Es handelt sich bei diesem Hörbuch um eine gekürzte Fassung. Was genau nun im Vergleich zum Buch fehlt, kann ich nicht beurteilen. Ich gehe aber davon aus, dass hier nichts Relevantes herausgeschnitten wurde.

Julia Meier spricht Eadlyn, aus deren Sicht die Story erzählt wird, mit viel Überzeugung. Sie legt verschiedene Emotionen in ihre Stimme, verleiht ihr unterschiedliche Nuancen für verschiedene Charaktere und macht das Hörbuch so schon regelrecht zum Hörspiel. Ihre Stimme ist angenehm (abgesehen von ein paar Nebenfiguren, denen sie eine etwas nervige Stimme verleiht) und macht das Erzählte anschaulich.

"Selection - Die Krone" hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen, da die Geschichte wie gesagt vom Kern her nichts Neues bietet. Kenner der Reihe wissen dies aber, und wer dem Charme von Kiera Cass' Reihe bereits erlegen ist, wird auch diesen Band gerne lesen/hören. Denn auch er bietet nette Unterhaltung - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

3,5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an und den Jumbo-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Donnerstag, 22. September 2016

Rezension: "Die Attentäter" von Antonia Michaelis

Daten zum Buch:
erschienen am: 22. August 2016
Verlag: Oetinger
ISBN: 9783789104565
447 Seiten
Preis: 19,99 € (HC)
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Zum Inhalt:
Alain, Cliff und Margarete leben in dem selben Haus in Berlin und sind seit Kindesbeinen an beste Freunde. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Der blonde, sensible Alain mit den liebevollen Künstlereltern, der keiner Seele etwas zu leide tun kann. Der dunkelhaarige Cliff, dessen Mutter sich von ihm distanziert und ihn beim alkoholkranken Vater zurücklässt; Cliff, der schon als kleines Kind ein gewaltiges Aggressionspotential hat. Und die vernünftige, loyale Margarete, die den beiden stets als Fels in der Brandung dient.

Dennoch sind die drei Freunde seit vielen Jahren unzertrennlich. Bis Cliff streng gläubig wird und verschwindet. Alle denken, er sei im "Heiligen Krieg" für den IS gefallen. Doch dann taucht er ein Jahr später wieder in Berlin auf. Hat er sich wirklich geändert und vom IS abgewendet? Oder müssen Alain und Margarete befürchten, dass ihr bester Freund einen Terrorakt in Deutschland plant?

Meine Meinung:
Der Klappentext klang sehr vielversprechend. Der IS und Terrorakte im Namen Allahs sind leider ein brandaktuelles Thema. Ich wollte gerne wissen, wie die mir bislang unbekannte Autorin dieses jugendgerecht aufarbeitet.

Mit den Protagonisten konnte ich leider gar nichts anfangen. Alain und Cliff verbindet eine besondere, homoerotische Beziehung, die nur schwer nachvollziehbar ist, da Alain von Cliff mehrmals psychisch und physisch verletzt wird. Dennoch verzeiht er ihm alles. Während Alain um Cliff eine dunkle, schwarze Aura wahrnimmt, die ihn gleichermaßen erschreckt und fasziniert, ist Alain für Cliff eine Art Engel mit Licht-Aura. Ein Engel, der ihn retten will, von dem sich Cliff jedoch sicher ist, dass er ihn ins Verderben stürzt, wenn er sich nicht von ihm löst.

Während Alain sich nur mit Cliff und Margarete abgibt, versucht Cliff unermüdlich, irgendwo dazuzugehören. Doch dabei sucht er sich immer gewaltbereite, kriminelle "Freunde" aus. Bis zum Schluss hält Alain zu Cliff, selbst als er sich eingestehen muss, dass dieser ein Terrorist und Mörder ist. Neben der skurrilen Beziehung zwischen den beiden Männern macht jeder der beiden mit Margarete herum - nicht als Platzhalter für den jeweils anderen, sondern als Ergänzung. Oder so ähnlich... Margarete ist der Anker für die beiden, der sie erdet. Die drei können einfach nicht ohne die anderen beiden.

Die größte Leidenschaft sowohl von Cliff als auch von Alain ist das Zeichnen. Hierin sind beide überdurchschnittlich begabt, Cliff hat sogar ein fotografisches Gedächtnis und kann Personen und Szenen detailgetreu wiedergeben. Beiden ist ebenfalls gemeinsam, dass sie zahlreiche Bilder des jeweils Anderen anfertigen. Hier zeigt sich die besondere Faszination füreinander. Das Zeichnen spielt deshalb eine große Rolle in diesem Roman. Und die Symbolik von Flügeln.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Alain, Cliff und Margarete erzählt. Dieser Perspektivenwechsel erfolgt sehr häufig und ohne Anmerkung, wer gerade der Erzähler ist. Dies wird aus dem Kontext meist klar, aber mich hat es ungemein beim Lesefluss gestört. Dazu kommen auch häufige Zeitenwechsel. Einerseits spielt die Geschichte im Hier und Jetzt, nach Cliffs Rückkehr nach Berlin, andererseits werden parallel dazu aus drei Perspektiven Geschichten erzählt aus den letzten 15 Jahren. Ich bin weder ein fauler noch dummer Leser, aber mir war das zu viel Hin und Her. Natürlich, so lernt man die drei Freunde nach und nach besser kennen und kann versuchen, Cliffs radikales Handeln und die Reaktion von Alain und Margarete darauf nachzuvollziehen. Aber bei solch einem doch recht dicken Buch ist es irgendwann auch einfach erschöpfend, permanent so viele Sprünge mitzumachen. Dann sind sie 4, dann 14, 19, 15, wieder 19, 6,... Cliff, Alain, Cliff, Margarete, Alain, Alain, Cliff, Margarete,... 1. Person Singular, 3. Person Singular. Ganz schön anstrengend!

Dazu trug auch der Schreibstil bei. Wie gesagt spielt das Zeichnen bei den beiden Jungs eine wichtige Rolle. Und auch die Autorin verwendet viele Bilder beim Schreiben. Einerseits muss man anerkennen, dass sie einen anspruchsvollen und eloquenten Schreibstil hat. Ja, Frau Michaelis kann sich wirklich ausgezeichnet ausdrücken! Andererseits fand ich das zusammen mit o. g. Kriterien irgendwann sehr anstrengend.

Mir war das Buch viel zu langatmig. Viele Begegnungen zwischen Alain und Cliff, die letztendlich die gleichen Erkenntnisse und Gedankengänge bei beiden ergeben. Dazu dann eben noch der Schreibstil. Ich habe ewig für die ersten rund 200 Seiten gebraucht. Dann habe ich es eine Woche weggelegt, danach nur noch quer gelesen und die wichtigsten Dinge herausgepickt. Erst ab circa Seite 300 war ich wieder richtig dabei. Hier erfährt man mehr über Cliffs Tätigkeit für den IS. Ab da wurde es langsam spannend. Die Handlung zielt nun auf die in Berlin geplanten Attentate ab, wie sie vorbereitet werden, wer die Beteiligten sind, was Cliff damals in seiner "Ausbildung" gelernt hat. Cliffs Erlebnisse und auch Fantasien sind sehr erschreckend, aber - leider - wohl auch realistisch. Das Finale hätte ich so auf keinen Fall erwartet, es ist sehr düster und tragisch.

Auch wenn ich die letzten circa 150 Seiten nochmal spannend fand, hatte das Buch bereits bei mir verloren zu diesem Zeitpunkt. Die Geschichte und die Figuren konnten mich zu keiner Zeit emotional erreichen und ich wollte das Buch einfach nur noch beenden. Die Thematik war so vielversprechend, aber durch die zähe, langatmige und anstrengende Liebesgeschichte zwischen Cliff und Alain (und Margarete) rückte sie in den Hintergrund, und ich fand den Roman leider furchtbar anstrengend.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Oetinger-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Dienstag, 20. September 2016

Rezension: "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde" von Shahak Shapira

Daten zum Buch:
erschienen am: 21. Mai 2016
Verlag: rowohlt Polaris
ISBN: 9783499631467
240 Seiten
Preis: 14,99 € (SC)
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Zum Inhalt:
In der Neujahrsnacht 2015 wurde ein junger Israeli in der Berliner U-Bahn angegriffen, nachdem er sich mit einer Horde angelegt hatte, die antisemitische Parolen grölte. Ein Mediengewitter war die Folge, PEGIDA solidarisierte sich, aus Israel kam die Empfehlung, in die Heimat zurückzukehren. Aber Shahak Shapira wehrte sich weiter: Rassismus sei immer schlimm, egal gegen wen, im Übrigen fühle er sich in Berlin pudelwohl. Danach war die Hölle los, Fernsehstationen und Zeitungen weltweit berichteten, es hagelte Lob und Kritik.

Nun schreibt Shahak über sein Leben: schaurig lustig über seine Jugend als Jude im tiefsten Sachsen-Anhalt, ergreifend über die Geschichte seiner Familie und nachdrücklich in seiner Botschaft: dass alle Menschen in Frieden zusammenleben können, wenn sie nur wollen. Und dass jeder selbst entscheidet, ob er ein rassistisches Arschloch ist oder nicht.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Über dieses Buch bin ich ganz zufällig gestolpert. Juden, Holocaust, Antisemitismus - ja, darüber habe ich schon einiges gelesen. Aber ein aktuelles Buch eines jungen Israelis, der in Deutschland lebt und das ganze Thema äußerst humorvoll betrachtet, das hat mich natürlich sehr gereizt. Ich mag Humor, und ich mag es, wenn man schwierige Themen mit Witz bzw. Ironie anpackt.

Nun erzählt uns der Autor also aus seinem Leben. Mit 12 Jahren zog er aus Israel zusammen mit Mutter und jüngerem Bruder zum neuen Partner der Mutter in das sächsische Kaff Laucha, in dem Zusammengehörigkeit groß geschrieben wird. Vor allem in der NPD, die hier sogar im Stadtrat vertreten ist. Besonders präsent ist hier Lutz Battke, der Bezirkskaminkehrer und Fußballtrainer. (Falls nicht bekannt, bitte googeln, denn schon rein optisch ist der Mann ein Gedicht.)

"Zum Glück" sieht Shahak Shapira gar nicht so aus, wie man sich den typischen Juden vorstellt: Statt dunklen Haaren mit Seitenlöckchen und einer großen Hakennase, ist er blond und blauäugig. Und wer nicht glaubt, dass er, der optische Arier, wirklich Jude ist, kriegt folgende Erklärung: "Ja, pass auf, die haben uns damals Wasserstoff statt Zyklon B in die Gaskammer geblasen."

Nicht jeder kann mit solchen Sprüchen umgehen. Aber genau da liegt der Reiz von Shapiras Humor. Darf man über sowas lachen, vor allem als Deutscher? Also ganz ehrlich: Ich find's witzig. Klar gibt es Grenzen des guten Geschmacks, aber hier gilt: Der Autor ist selbst Jude, der darf das! Und wir dürfen darüber lachen. So einfach ist das.

Shapira berichtet von seiner Jugend im braunen Kaff, in dem die jüdischen Zuwanderer mit Argwohn betrachtet werden. Integration fällt unter diesen Bedingungen nicht leicht, aber Familie Shapira gibt ihr Bestes und macht sich Deutschland zur zweiten Heimat. Doch auf Probleme wegen seiner Herkunft stößt der Autor auch noch als Erwachsener.

In der Silvesternacht 2014/2015 dann der traurige Höhepunkt: Er wird von judenfeindlichen Arabern verprügelt. Seitdem steht er in der Öffentlichkeit, distanziert sich jedoch ausdrücklich von jeglichem Muslim-Bashing, denn Antisemiten gibt es überall. Und wie schon im Klappentext so schön gesagt: Man entscheidet unabhängig von seiner Herkunft und Religion, ob man ein rassistisches Arschloch sein will oder nicht.

Neben eigenen Erlebnissen verarbeitet der Autor auch die Geschichte seiner beiden Großväter. Der eine kämpfte im Warschauer Ghetto als Kind ums nackte Überleben und verlor im Holocaust seine Familie. Der andere Großvater war Amitzur Shapira, ein israelischer Leichtathletik-Trainer, der bei der Geiselnahme israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen während den Olympischen Spielen in München 1972 ums Leben kam. In diesen Geschichten hat Humor nicht immer Platz, und so sind diese Kapitel vielleicht für manchen Leser ein Stilbruch, zu ernst, zu tragisch. Ich denke aber, bei dieser Thematik muss man auch nichts schönreden und nicht an unnötigen Stellen noch mit dem Hammer Lustigkeit hineinprügeln. 

Mein einziger Kritikpunkt: Auf ein paar Erzählungen hätte ich persönlich verzichten können, z. B. das leidige Thema "Frauen", bei denen Shapira irgendwie keinen Schlag hatte. Missglückte Dates und Tinder-Erlebnisse - ja, ganz nett zu lesen, aber irgendwie nicht so ganz passend und auch recht belanglos.

Ansonsten aber erzählt der Autor mit Witz und Charme, bringt auch den einen oder anderen derben Spruch. Für spaßbefreite Menschen ist dieses Buch vermutlich nicht das Richtige. Hier werden zwar auch mal zwischendurch Fakten präsentiert (z. B. über den Nahostkonflikt), aber es geht natürlich in erster Linie um persönliche Erlebnisse und Empfindungen. Und die gibt der Autor auf humorvolle Weise unterhaltsam wieder.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Sonntag, 11. September 2016

Neuzugänge

Und wieder sind in den letzten Wochen ein paar neue Schätzchen in unserer kleinen, bücherüberfüllten Wohnung eingezogen. Neugierig, welche? Hier sind sie:

Rezensionsexemplare


- Shahak Shapira, "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!": Der Autor ist ein jüdischer Comedian, und ich bin zufällig auf das Buch gestoßen. Da mir der Buchtrailer so gut gefiel, habe ich einfach mal direkt über ein Formular für Blogger beim Verlag angefragt und bekam eine positive Antwort.

- Antonia Michaelis, "Die Attentäter": Ein Jugendbuch über drei beste Freunde, von denen einer sich von der Ideologie des IS verleiten lässt und einen Anschlag in Berlin plant. Ich hab das Buch über die Facebook-Gruppe "Jugendbücher vorab lesen" erhalten, da ich die Thematik sehr vielversprechend fand. Es ist ziemlich dick, und ich muss sagen, dass ich nach 200 Seiten schon echt kurz davor bin, aufzugeben. Schreibstil, Charaktere und Handlung können mich überhaupt nicht überzeugen...

- Kiera Cass, "Selection - Die Krone": Der fünfte Teil der "Selection"-Reihe bzw. der zweite Teil der Geschichte um Americas Tochter Eadlyn ist endlich da, und ich wollte ihn unbedingt lesen. Über "Blogg dein Buch" habe ich nun das Hörbuch erhalten. Das geht natürlich auch ;-), zumal ich schon die ersten beiden Bände gehört habe. 


Gekauft


- Stefanie Diegelmann, "Mein Mann mein Haus und andere Katastrophen":  Dieses (vermutlich) lustige Buch über die Freuden des Hausbaus stand schon länger auf meiner Wunschliste. Entdeckt auf dem ME-Tisch von Hugendubel für 2,99 €.


Ertauscht

 
 - Jessica Brody, "Eine Woche voller Montage": Dieses schöne Jugendbuch über ein Mädchen, das einen schlecht gelaufenen Montag ständig aufs Neue erlebt, hatte ich seit dem Walgeburtstag im Magellan-Geburtstag ins Auge gefasst. Ertauscht auf Tauschticket für 3 Tickets.

- Caitlin Doughty, "Fragen Sie Ihren Bestatter! Lektionen aus dem Krematorium": Da ich ja mal zwei Monate in der Friedhofsverwaltung gearbeitet habe und dort auch viel über das Bestattungswesen gelernt und ein Krematorium besucht habe, stand dieses Buch schon länger auf meiner Wunschliste. (3 Tickets)

- Tanja Janz, "Krabbe mit Rettungsring": Ein Liebesroman über eine Dame mit zu viel Speck auf den Rippen? Muss ich lesen! ;-) (2 Tickets)

- Tara Stella Deetjen, "Unberührbar. Mein Leben unter den Bettlern von Benares": Eine Niederländerin, die freiwillig in Indien unter den Bettlern ihre Tage verbringt? Das klingt extrem spannend, ich mag ja solche Berichte sehr. (3 Tickets)


Hach, sind sie nicht wieder wunderschön, meine Neuzugänge? <3 Auch was für euch dabei?
 

Mittwoch, 7. September 2016

Rezension: "Niemand weiß, wie spät es ist" von René Freund

Daten zum Buch:
erschienen am: 25. Juli 2016
Verlag: Deuticke
ISBN: 9783552063266
272 Seiten
Preis: 20,00 € (HC)
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Zum Inhalt:
Noras Vater Klaus ist gestorben und lässt die junge Pariserin ohne weitere Familie zurück. Als Alleinerbin erhält sie ihr Erbe jedoch nur unter einer Bedingung: Sie muss Klaus' Asche nach Österreich bringen. Und zwar zu Fuß auf einer langen Wanderung. Für eine chaotische Stadtpflanze wie Nora klingt das nach einer ganz blöden Idee!

Und das Schlimmste an der Sache ist nicht nur, dass sie nicht das Ziel kennt und immer erst kurz vorher die nächste Etappe gesagt bekommt, sondern dass sie von Bernhard begleitet wird. Bernhard, ein österreichisch-preußischer Notariatsgehilfe, wie er im Buche steht. Der introvertierte Veganer liebt Topfpflanzen und ist - im Gegensatz zu Nora - natürlich bestens gerüstet für die anstrengende Reise.

Mit Urne im Gepäck macht sich das ungleiche Paar also auf den Weg in die Berge. Und während dieser Reise lernen sie sich nicht nur gegenseitig, sondern auch die Schönheit Österreichs und letztendlich sich selbst besser kennen.

Meine Meinung:
Von René Freund kannte ich bislang nur "Mein Vater, der Deserteur", eine Biographie über seinen Vater Gerhard Freund. Damals hat mir bereits der Schreibstil des Autors und seine Fähigkeit, ernste/tragische Dinge mit einem gewissen Humor zu betrachten, gut gefallen. Als ich den Klappentext zu "Niemand weiß, wie spät es ist" las, wusste ich: "Ein Roman von René Freund? Den will ich lesen!" Ich erwartete etwas Gutes - und ich wurde nicht enttäuscht.

In der Geschichte um Bernhard und Nora prallen natürlich Welten aufeinander. Sie ist die weltgewandte, non-chalante Pariserin, die gutes Essen und Trinken zu schätzen weiß und als Journalistin eher ein unstetes Leben führt. Er ist der introvertierte Gegenpol, der seinen Auftrag überkorrekt und stoisch ausführt. Ich mochte die Protagonisten von Anfang an, auch wenn sie ihre Macken haben. Die beiden entwickeln sich im Laufe der Geschichte sehr stark weiter. Vor allem über Bernhard erfährt man nach und nach mehr, und diese Figur bietet sehr viele Überraschungen.  Natürlich lebt die Handlung davon, dass beide grundverschieden sind und sich öfter in die Haare bekommen. Sie reißen sich aber recht schnell am Riemen und schaffen es, eine Einheit zu bilden.

Noras Vater Klaus tritt hier in Form von Videonachrichten und Briefen in Erscheinung. Im Angesicht des Todes blickt er zurück und philosophiert viel über das Leben und die Liebe. Ich fand das manchmal etwas zäh und wollte einfach, dass es weitergeht mit Nora und Bernhard. Aber gerade gegen Ende des Romans werden Klaus' Nachrichten auch wichtig für den weiteren Verlauf der Handlung. Und der ein oder andere Satz macht dann doch nachdenklich.

Das Ende überrascht und ist dem Autor wirklich gelungen. Die Geschichte um Bernhard und Nora nimmt eine sehr starke Wendung, die ich zu keiner Zeit vorausgeahnt hatte. Und ich bin René Freund dankbar, dass er das Buch nicht so erzählt hat, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Denn sind wir mal ehrlich - wenn man den Klappentext liest, denkt man doch sofort an das gängige Konzept: Zwei ungleiche Menschen müssen notgedrungen eine gewisse Zeit intensiv miteinander verbringen, und aus anfänglicher Antipathie wird die große Liebe. Hier gelingt es dem Autor jedoch, den Leser zu überraschen!

Ich mag Freunds Schreibstil. Er ist lebendig und liest sich flüssig und angenehm. Es liegt viel Witz und Charme vor allem im Zwischenspiel zwischen Nora und Bernhard. Der Hintergrund - Klaus' Tod, Noras Trauerbewältigung und Bernhards Vergangenheit - ist ernst, die Handlung - Noras und Bernhards Wanderung durch Österreich - ist jedoch sehr unterhaltsam, spannend und mitunter auch recht komisch.

Im Endeffekt ist das hier keine Geschichte mit viel Action und Spannung. Dennoch bleibt sie im Fluss und weiß zu fesseln, ist unterhaltsam und macht auch nachdenklich. "Niemand weiß, wie spät es ist" hat mir persönlich viel Freude beim Lesen bereitet.

5 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an René Freund für dieses Rezensionsexemplar und die Begleitung der Leserunde!

Freitag, 26. August 2016

Die Jugendbuchautorin Agnes Sapper (1852 - 1929)

Porträt der Agnes Sapper
Quelle: Projekt Gutenberg DE
Wie ihr ja wisst, wohne ich im schönen Würzburg. Seid ihr schonmal da gewesen und habt unsere zahlreichen Sehenswürdigkeiten wie die Residenz (UNESCO-Weltkulturerbe!), die Festung Marienberg oder die tolle Altstadt mit ihren vielen Kirchen und gutbürgerlichen Gaststätten besucht?  Nein? Dann habt ihr was verpasst und müsst das unbedingt nachholen!
 
Was Würzburg auch hat, sind Friedhöfe. Na ja, klar, hat ja jede Gemeinde... Gleich bei mir um die Ecke gibt es den großen Hauptfriedhof. Dort gehe ich öfter mal spazieren, weil es inmitten der Stadt ein ruhiger, friedlicher Ort ist.
 
Vor einiger Zeit habe ich in einer Broschüre des Friedhofes dann gelesen, dass hier Agnes Sapper bestattet liegt. Und da ich das so interessant fand, dachte ich mir, ich erzähle euch ein bisschen was über sie.
 
Denn Agnes Sapper war eine Jugendbuchautorin – hat vielleicht schonmal jemand von euch etwas von ihr gelesen? Ich muss zugeben, ich kannte sie vorher nicht. Ihre Werke sind ja schon etwas älter und weit vor meiner Kinder- und Jugendzeit veröffentlicht worden.
 
Agnes Sapper wurde am 12. April 1852 in München als Agnes Brater geboren. Ihr Vater war Karl Brater, ein Redakteur, Politiker und Gründer der Süddeutschen Zeitung. Kein Wunder also, dass Agnes das Schreiben quasi in die Wiege gelegt wurde!
 
1878 heiratete sie den Stadtschultheiß und Gerichtsnotar Eduard Sapper, mit dem sie mehrere Kinder hatte. Ihr Mann ermunterte sie zum Schreiben – in dieser Zeit sicherlich nicht selbstverständlich! Nachdem sie 1892 mit ihrer Erzählung „In Wasserfluten“ ein Preisausschreiben gewann, folgten weitere Erzählungen, u. a. auch aus dem schulischen Bereich, der Agnes als Lehrerin einer Sonntagsschule besonders vertraut war.
 
1898 zog die mittlerweile verwitwete Agnes ins schöne Würzburg, wo sie sich nun intensiv dem Schreiben widmete. Ihr 1906 veröffentlichter Roman „Die Familie Pfäffling“ war ihr größter Erfolg. Sie widmete das Buch ihrer Mutter zum 80. Geburtstag. Diese - eine geborene Pfaff - war auch das reale Vorbild für die Mutter Pfäffling. 1910 gab es noch die Fortsetzung „Werden und Wachsen“.
 
2002 verlegte Ausgabe des
Arena-Verlags in Würzburg
Hier ist eine kurze Inhaltsangabe:
 
Musiklehrer Pfäffling lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in der Frühlingsstraße. Viele Mäuler müssen gestopft, zahlreiche Schulbücher gekauft werden - Vater Pfäffling tut sein Bestes, um sich und die Familie über Wasser zu halten. Doch nicht nur Geldsorgen plagen ihn: Otto wird wegen eines Schneeball-Treffers aufs Polizeirevier vorgeladen, Wilhelm bringt ein miserables Zeugnis nach Hause, Anne droht durch eine Ohrenentzündung taub zu werden - und das letzte Bargeld lässt sich das unvorsichtige Elschen stehlen.
 
Das Honorar für die Pfäfflings nutzte die Autorin übrigens vor allem für Andere. Noch immer gibt es in Würzburg das Agnes Sapper-Haus, ursprünglich ein Altenheim, das mit Hilfe von Agnes‘ finanzieller Unterstützung geführt wurde. Heute ist es eine Einrichtung für psychisch Erkrankte.
 
Agnes Sapper starb am 19. März 1929 in Würzburg und wurde dort auf dem Hauptfriedhof begraben. Noch heute gilt sie als eine der erfolgreichsten und meistgelesenen deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Alleine die „Familie Pfäffling“ wurde über 900.000 Mal verkauft.
 
Das Familiengrab von Agnes Sapper,
in dem sie mit ihrer Mutter und ihrer
Tochter begraben ist.

 

Montag, 15. August 2016

Rezension: "Jules" von Didier van Cauwelaert

Daten zum Buch:
erschienen am: 25. April 2016
Verlag: C. Bertelsmann
ISBN: 9783570102930
224 Seiten
Preis: 14,99 € (SC)
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Zum Inhalt:
Zibal ist ein genialer Forscher, der allerdings den Fehler begangen hat, seine letzte Erfindung nicht patentieren zu lassen. Von seiner Verlobten verlassen und völlig abgebrannt, landet er als Macarons-Verkäufer am Flughafen Orly. Dort begegnet er der attraktiven Alice und deren Blindenhund Jules. Die blinde Frau ist gerade auf dem Weg nach Nizza, um sich einer Operation zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückgeben soll. Als Jules in den Frachtraum verbannt werden soll, erkämpft Zibal, dass er mit seinem Frauchen in der Fliegerkabine mitfliegen darf. Dabei hinterlässt er einen bleibenden Eindruck nicht nur bei Alice, sondern auch bei Jules.

Als Alice wieder sehen kann, fühlt sich Jules überflüssig und wird depressiv. Schweren Herzens befolgt Alice den Rat des Tierarztes und gibt Jules für einen neuen Blinden frei. Während sie sich neu erfinden muss, mit neuer Sehkraft, dafür ohne Hund und in einer Beziehung, die sie nicht mehr glücklich macht, büxt Jules aus und sucht nach seinem Retter "Monsieur Macaron".

Meine Meinung:
Dies war mein erster Roman von Didier van Cauwelaert, und es fällt mir wirklich schwer, dieses Buch und den Schreibstil zu bewerten. Ich hatte mir aufgrund des Covers und des Klappentextes, welche "eine erfrischende romantische Komödie"versprachen, etwas anderes vorgestellt. Ich fand das Buch weder erfrischend, noch romantisch oder gar amüsant.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Alices und Zibals Sicht erzählt, wobei es lange dauert, bis beide Handlungsstränge ineinander fließen. Alice finde ich durchweg unsympathisch - das Einzige, was mir an ihr gefiel, war ihre Liebe und Treue zu Jules. Zibal war zwar nicht direkt unsympathisch, aber ziemlich sonderbar, mit ihm konnte ich auch nicht viel anfangen. Beide Figuren sind auf ihre eigene Weise seltsam schwermütig. Sie haben beide "ihr Päckchen zu tragen", konnten mich aber zu keiner Zeit irgendwie berühren. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden ist unromantisch und irgendwie... merkwürdig, zumal es da ja noch Alices (seltsame) Beziehung gibt.

Bindeglied und namensgebende Hauptfigur ist Alices Blindenhund Jules. Er war auch der einzige Charakter in diesem Buch, den ich wirklich mochte. Ich denke, es ist dem Autor recht gut gelungen, die Sichtweise des Hundes wiederzugeben. Hier muss natürlich einiges spekuliert und interpretiert werden, da es dem Menschen ja nunmal leider nicht möglich ist, mit Hunden zu reden. Von daher ist es schwierig zu beurteilen, welche Verhaltensweisen und Emotionen von Jules realistisch sind und welche nicht. Jules' Intelligenz ist beeindruckend, wenngleich ich denke, dass hier einiges übertrieben wurde. Auch wenn ich absolut davon überzeugt bin, dass Hunde sehr kluge Wesen sind, verfügt Jules meiner Meinung nach über Fähigkeiten, die im realen Leben dann doch eher unwahrscheinlich sind.

Die Handlung zieht sich etwas dahin. Man erlebt, wie Alice zurück in die Welt der Sehenden findet, wie Zibal sich in seinem trost- und erfolglosen Leben einrichtet und wie Jules verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Aufgabe ist, ohne sein Frauchen jedoch vergessen zu können. Letztendlich werden alle drei Schicksale zusammengeführt, was aber auch irgendwie seltsam weitergeht. Lediglich das Ende ist relativ gelungen und darf sicherlich als Happy End bezeichnet werden. Dennoch habe ich keinen blassen Schimmer, wie man das Buch als erfrischende Komödie bezeichnen kann...

Mit dem Schreibstil hatte ich anfänglich auch so meine Probleme. Vielleicht sind französische Autoren nichts für mich, denn er erinnerte mich an die typischen französischen Kinofilme, die ja auch meist etwas speziell sind - entweder man mag sie oder nicht. Ich konnte mich irgendwann in den Schreibstil einfügen, aber das Buch las sich schwerfällig und ich kam einfach nicht in einen Lesefluss.

Die Grundidee an sich, dass ein Blindenhund ohne die Hilflosigkeit seines Frauchens plötzlich "arbeitslos" wird und darunter schwer leidet, fand ich sehr interessant. Aber durch den Schreibstil, der mich nicht angesprochen hat, sowie Figuren, die mir unsympathisch waren, fiel mir die Lektüre schwer. Ich muss zugeben, dass ich froh war, als das Buch zu Ende war. Ich habe es nicht wirklich gern gelesen.

2 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für dieses Rezensionsexemplar!